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Ein Reisebericht

Reisebericht

Der Emsradweg

Dieses Jahr war nicht eine Region als Buch angesagt, sondern ein Fluss, nur 371 km lang, die Ems. „Spitzenköche entlang der Ems“ soll der Titel lauten. Bei der Recherche stoße ich auf den Emsradweg, von der Interessengemeinschaft Emsradweg ansässig in Hövelhof gefördert.

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Startpunkt

„Na das wäre doch was, den Weg mit dem Fahrrad zu fahren“ dachte ich mir bei meiner Recherche. Und während ich ein Restaurant nach dem anderen fotografiere, habe ich nach einer Terminverschiebung plötzlich unverhofft eine Woche keinen einzigen Termin, also 7 Tage frei.

Die Idee, in diesen Tagen den Emsradweg zu fahren, wurde durch diesen Umstand immer konkreter. Wenn nicht jetzt, wann dann, waren meine Gedanken. Wie planen, wie hinkommen, meine Nächsten.

400 km in 6 Tagen, macht circa 65 km pro Tag! Ein ganz schön enges Zeitfenster für dieses Vorhaben, ohne Spielraum, da am folgenden Sonntag Fototermin im Rotkehlchen, Münster angesagt ist. Einfach machen, sage ich mir; schließlich hast du dir schon bewiesen, dass du an einem Tag über 100 km schaffen kannst und das mit einem normalen, mit meinem Straßenbike. Das nicht vorzeigefähig, nie geputzt wurde, und zusammengebastelt ist, also wirklich keine Schönheit, aber ich mag es. Ich teile meinem Assi Herbert mein Vorhaben mit, und er checkt sofort die Lage. „Ein Bulli muss her!“, so seine Worte aber Willi der Bullikönig von Velen, der für seine Spontaneität weltbekannt ist, hat Velen anscheinend fluchtartig verlassen. Denn alle Velener Nachrichtensender haben keine Kenntnis über seinen Verbleib. Von Herbert erfahre ich dann, dass er in Polen verweilt.

„Mein Schwiegersohn hat auch ein Bulli!“ so Herbert, der von meiner Idee anscheinend begeistert ist. Aber der ist gerade im Umzugsstress, stellt er nach mehreren Telefonaten fest.

Egal, ich bin jetzt Feuer und Flamme für dieses kleine oder große Abenteuer, was man letztendlich erst am Ziel beurteilen kann. Es ist Samstagabend. Ich überlege, wie ich die Fahrt bewerkstelligen kann. Dann war die Lösung vor meinen Augen. Morgen ist Sonntag; da fährt im Sommer der Fietsenbus mit Fahrradanhänger. Den nehme ich und dann einfach mit der Bahn weiter, so werde ich starten! Sage ich mir. Yes we do! Ich schalte meinen PC ein und tippe die Wegstrecken bei Bahn.de ein aber der PC lässt sich Zeit, lässt sich von meinem Emsradweg Fieber nicht beeindrucken. Endlich gibt er die Daten frei und ich tippe das geplante Datum ein. Sonntag… 9.15 Uhr Start? Und dann erst wieder 12.15 Uhr?

So früh soll ich morgen starten, ich als echter Spätaufsteher? Ok, dann mal einmal früh raus und heute früh ins Bett. Früh war es dann auch nach einem gepflegten Abend in der Lunis-Lokalität, nämlich 2.00 Uhr morgens. Ich erzähle von meinem Vorhaben und Lukas und Nicole, die Inhaber vom Lunis versprechen, mich am nächsten Morgen pünktlich zu wecken. Zuhause angekommen denke ich, Wecker stellen kann nicht schaden. Wie ich später erfahre, hat mein Weckdienst jämmerlich versagt, nämlich derbe verschlafen. Mein Wecker hat funktioniert. Wach werden, Adrenalin hochfahren, fit werden war jetzt angesagt. Kalt duschen und schon war der richtige Pegel erreicht, um das Vorhaben zu starten. Kameras checken Rucksack und Fahrradtaschen packen und durchstarten, ab zur Bushaltestelle. Während ich auf den Bus warte, der ausnahmsweise mal wirklich pünktlich ist, kommen mir Gedanken wie: „Bist du überhaupt fit für so eine Tour, wann bist die das letzte Mal weiter als zwanzig Kilometer gefahren?“ Mit den Gedanken, “Nur die harten kommen in den Garten, wischen ich alle Zweifel aus meinen Kopf.“

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Der Busfahrer schien nicht wirklich Interesse zu habe, mir beim Hochhieven des Fahrrades auf den Anhänger behilflich zu sein, also Hände schmutzig machen und Westfalenticket buchen. 28,50 Euro sagt der Fahrer, ich: „Nix da, im Internet stehen 20.50 Euro.“ Er weiter, „na, dann schauen wir mal nach einer anderen Lösung. Wie wäre es mit einem Schönetag-Ticket 18,50 Euro?“ schaut er mich fragend an. Ich sofort: „Super, wirklich günstig!“ Ich mache es mir im Bus gemütlich und denke, die Tour fängt ja wirklich gut an. Aber wie geht es im Zug weiter? Wie kriege ich das dämliche Fahrrad, ups nee ich meine den netten Drahtesel- bin ja schließlich 400 km auf ihn angewiesen – mit dem ganzen Gepäck über 50 kg in den Zug? “Hauptbahnhof Coesfeld“ hat die nächste Verbindung nach Münster. Ich schaue auf meine Fahrplanausdrucke, und sehe, dass ich in Münster 15 Minuten Pause bis zur Weiterfahrt habe. Na das muss reichen, um meinen ganzen Krempel in den nächsten Zug zu verfrachten. Überraschung in Münster, Bahnhof neu, alle Bahnsteige neu und mit Fahrradaufzug, wow Luxus pur und der Zug sogar ein eigenes Fahrradabteil.

Also ein problemloses Wechseln von Zug zu Zug; man nennt es auch umsteigen. Umsteigen, woher das Wort wohl kommen mag? Wahrscheinlich noch vom Reisen mit den Pferden, wo man umstieg, von einem erschöpften Pferd auf ein frisches Pferd. Ja mit der Erklärung kann ich mich anfreunden und bin sehr guter Dinge. So problemlos kann es gerne weitergehen.

Sorgfältig verankere ich meinen Drahtesel, schließlich transportiert er eine wertvolle Fracht, nämlich meine Kameras auf den Gepäckträger und in den Satteltaschen all möglichen Krimskrams, den ich wahrscheinlich auf meiner Tour nie brauchen werde.

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Am Ziel angekommen, keinen Aufzug, keine Rollerleichterung für meinen Esel. Also dann auf die harte Tour, Drahtesel mit 50 kg Gepäck die Treppe runter. Endlich stehe ich auf dem Bahnhofvorplatz. Ich versuche, den Drahtesel optimal zu packen, damit ich problemlos starten kann. Aber welche Richtung? Natürlich fahre ich erst einmal in die falsche Richtung. Die ersten 4 km für die Katz, meine Karten, die ich für viel Geld erworben habe, zeigen Bullshit an, und mein Drahtesel schwankt unter der schweren Last. Ich bin verunsichert und schaue mich zweifelnd um; eine nette durchaus nette Dame fragt, ob sie helfen könne. „Oh danke, wo geht es nach Emden auf den Emsradweg?“ Sie: „Hmm, sie müssen dort lang fahren, da fahre alle lang, und zeigt mir mit einer Armbewegung den Weg. Ich bedanke mich und sie meint noch, „ Ihr Gepäck wackelt und hängt ganz schön schief!“ Oh danke noch mal und entlasten meinen Esel, indem ich mich selbst zum Esel mache und 30 kg auf den Rücken schnalle. Großer Fehler, wie es sich später herausstellt aber dazu später.

Jetzt erst einmal als Hauptaufgabe das Symbol des Emsradweges finden, bevor ich mich total verfahre. Endlich nach 2 weiteren Kilometern taugt das erste Symbol auf.

Das ich nicht direkt an der Quelle losfahren konnte, war dem Umstand zu verdanken, dass ich keine Erfahrung mit Bahn.de hatte. Ich hatte einfach den falschen Ort eingegeben. Aber Rietberg ist entfernungstechnisch auch ok. Auf nach Rheda und Gütersloh. Die Fahrt verlief nun unkompliziert und ich bin wieder guter Dinge.

Und weiter nach Harsewinkel. Da gibt es laut Karte, die nun endlich funktioniert eine Weg-Variante, eine Abkürzung, für die ich mich allzu gern entscheide, da mein Rucksack zieht und drückt und dieser Weg für meine Kamera interessanter aussieht. Unterwegs komme ich an der Unfallstelle vorbei, wo vor drei Tagen laut Nachrichten zwei Kanufahrer verunglückt sind. Ich betrachte die Stelle, „idiotisch hier mit dem Kanu herunterzufahren, einfach nur dumm“. In Harsewinkel erlebe ich die Größe des Claas Imperiums. Fahre fast 5 Minuten an dem Werkgelände entlang. Und muss über mein Erlebnis mit Herrn Claas vor Jahren auf der Pariser Messe denken, wo er einen für mich uninteressanten Vortag über seine Produkte und über Landmaschinen hielt.

Weiter geht es am Ende des Werksgeländes links, so zeigt es meine Karte an. Endlich Natur pur! Aber keine Getränke, nichts Essbares im Gepäck! Großer Fehler, mein Erschöpfungsgrad steigt.

Zähne zusammenbeißen und durch, es ist nicht mehr wirklich weit bis zu meinem ersten Etappenziel Warendorf, Hotel Aust. In zwei Kilometern zeigt die Karte eine Tankstation, in Form einer Gaststätte an; dass beflügelt mich, also Gas geben, nee beim Drahtesel heißt es, in die Pedale treten. Und mein Tachometer zeigt wieder eine Geschwindigkeit um die 22 km/h an.

Kanus auf der Ems

Kanus auf der Ems

In wenigen Minuten bin ich an der Station, um endlich meinen Durst löschen zu können. Aber der Biergarten ist völlig überfüllt, hier eine 20er Gruppe da eine 10 Gruppe und alle Tische besetzt bis auf einen winzigen, aber der reicht für mich völlig. Bin gespannt, wie lange ich warten muss. Ich bin einfach total ausgetrocknet, schließlich haben wir Temperaturen um die 25° C. Meinen Panamahut, der mich vor einen Sonnenstich bewahren soll und bisher gute Dienste geleistet hat, obwohl ich ihn hin und wieder von der Straße klaube musste, nehme ich ab und schaue mich hilfesuchend nach einem Kellner um. Ich muss wohl einen mitleidenserweckenden, durstigen und erschöpften Eindruck machen, dass sich sehr schnell ein Kellner um mein Bedürfnis kümmert und ich von meinem Durst erlöst werde. Er bringt mir ein Glas Weizen alkoholfrei, das ich mit einem Zug leere. Die kurze Pause und das isotonische Bier bewirken Wunder. Es geht weiter Richtung Warendorf, noch etwa 20 km bis zum Etappenziel. Aber die können unendlich lang werden, wenn alles schmerzt und der 30 kg Rucksack drückt.

Unterwegs komme ich an ein heruntergekommenes Puppenmuseum vorbei. Ich fotografiere einen alten Puppenwagen, der an der Straße steht und als Hinweisschild zu diesem Puppenmuseum dienen soll. Es sieht einfach witzig aus.

Meine Karte zeigt an, dass der ausgewiesene Emsradweg über Umwege nach Warendorf führt. Aber geradeaus geht es auch nach Warendorf. In dieser Situation ist mir der Emsradweg ziemlich egal, nur schnell nach Warendorf, das ist nun mein Ziel. Also einfach schnurstracks geradeaus Richtung Warendorf durch Wälder, entlang grüner Felder. Landschaft genießen, fühlt sich aber anders an. Die Beschwerden werden heftiger, die kleine Verschnaufpausen immer häufiger.

Dann kurz vor Warendorf nur noch 4 km links eine superluxus Gehöft. So was einmaligen habe ich noch nie gesehen aber ich bin zu erschöpft, um zu klingeln und um eine Fotogenehmigung zu bitten. Mein Entschluss, dieses später mit dem Auto nachzuholen, wird schon vorgemerkt. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben und markiere die Stelle in meiner ach so praktischen, unverwüstlichen EmsradKarte – wasserabweisend und völlig cellophaniert, einsatzbereit bei jeder Wetterlage.

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Am Stadtrand von Warendorf, endlich der erste Kreisverkehr! Jetzt nur nicht in die falsche Richtung fahren, denn überflüssige Meter sind jetzt schmerzlich und dass man sich hier verfahren kann, habe ich schon häufiger mit dem Auto erlebt, denn die Kreisverkehre sehen in Warendorf alle gleich aus. Aber ich habe Glück, nach wenigen 100 Metern taugt das Aust-Schild auf – noch 400 m bis zum Ziel!

Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Uwe Aust, der auch schon in meinem Münsterland Buch vertreten ist und dieses mal ebenfalls wieder dabei sein wird.

Endlich vollkommen erschöpft angekommen, drücke ich die Türklinke des Gasthofes aber abgeschlossen, einfach geschlossen und das am Sonntag um 17.30 Uhr. Ich suche nach einer Lösung. Eine Telefonnummer, winzig geschrieben auf einem Schild im Eingangsbereich ist die Lösung.

Ich tippe diese Nummer in meinem Handy und erreiche Uwe sofort. „Ich brauche ein Zimmer“ sage ich vor Erschöpfung kurz angebunden. „Wozu brauchst du ein Zimmer?“ Was willst du mit einem Zimmer?“ „ Na bin mit dem Fahrrad von Rietberg gekommen und ich fahre den Emsradweg.“ Ist meine Antwort. Er: „ Du bist verrückt! Das Gebäude mit den Hotelzimmern gegenüber ist offen. Schau, wo ein Schlüssel von außen steckt, da kannst du einchecken, ich bin in 30 Minuten da.“ Na so cool habe ich noch nie eingecheckt und nehme meine fast 50 kg Gepäck und schleppe mich nach oben. Zimmer 22 ist frei, da steckt ein Schlüssel. Durstig, verschwitzt und fix und fertig betrete ich das Zimmer und schaue mich sofort nach einer Minibar um: Tatsächlich, er hat noch eine, was heute absolut nicht mehr selbstverständlich und üblich ist. Verheißungsvoll und voller Vorfreude auf eine Erfrischung öffne ich die Bar. Ein Köpi und eine winzige Cola ist der einzige Inhalt dieser riesigen Minibar. Jetzt ein Bier und ich bin volltrunken aber die Cola geht notfalls, ich hasse Cola aber in der Not…. Also ex und weg. Nach einer erfrischenden, kühlen Dusche bin ich wieder einigermaßen hergestellt und freue mich auf einen gemütlichen Abend mit Uwe, denn seit dem Münsterland Buch haben wir einen freundschaftlichen Kontakt gepflegt.

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Uwe ist pünktlich und heißt mich willkommen. Er hat wenig Zeit, weil er bis 22.00 den Koch mimt und danach erst Feierabend hat. Zwischenzeitlich mache ich es mir an seinem Stammtisch direkt an seiner Servicetheke, abseits der Restauranträume gemütlich. Auf seine Frage, was ich denn essen wolle, kommt meine Antwort: „Mach einfach was!“ Das lässt er sich nicht zweimal sagen und zaubert. Rotbarsch auf Spargelrisotto als Vorspeise, ein Kalbsfilet in Kräuterkruste an Pfifferlingen als Hauptgang. Einfach exzellent und klasse.

Vor Erschöpfung schaffe ich den Hauptgang nur zur Hälfte und muss ständig aufpassen, nicht einzunicken. Aber der Alkohol, abwechselnd ein Glas Aperol Spriz und einen von Uwe empfohlenen Rose macht mich wieder munter. Endlich um 22.00 Uhr setzt er sich zu mir und meint, nun trinken wir was Echtes. Er zaubert einen Rotwein 2005 auf den Tisch, einfach klasse. Der fröhliche Abend endet schließlich nach einer weiteren vorzüglichen Flasche Rotwein um 2.00 Uhr morgens. Endlich habe Bettschwere erreicht, die schon um 18.00 Uhr gegeben war. Aber Alkohol puscht ja bekannterweise. Ich falle todmüde ins Bett, und meine letzten Gedanken sind, schaffe ich es morgen bis Emsdetten zum Udo, zum Hotel Lindenhof?

2. Etappe – Emsdetten

Uwes letzte Worte am vergangenen Abend klingen noch in meinen Kopf. „Frühstück bis 9.30 Uhr“. Um 9.29 Uhr bin ich also pünktlich im Frühstücksraum, wo mich Uwe bereits erwartet. Leicht lädiert, fragt er nach meinen Getränkewünschen. 2 Kaffee, 2 Glas Multisaft und 1 Brötchen, mehr schaffe ich nicht nach dem ausgiebigen Abend, den wir beide einfach lustig und klassen fanden. Nach meiner morgendlichen Stärkung treffe ich Uwe an der Rezeption.

Ich sage zu ihm: „Ich brauche ein Depot für überflüssigen Ballast, ansonsten werde ich wohl nie in Emden ankommen. Ich sortiere 25 kg aus unter anderem auch meine zweite Kamera.

Nun bin ich spürbar erleichtert und guter Dinge für die kommenden Etappen. Leicht verkatert geht es los – auf nach Emsdetten. Erstaunlicherweise keinen Muskelkater, also mich ich doch einigermaßen fit sein. Nun muss ich nur noch den ausgewiesenen Emsradweg finden, laut Karte verspricht er viel Landschaft und abgeschiedene Pfade. Nach 5,4 km kreuz und quer durch Warendorf lenke ich endlich meinen Esel auf den Emsradweg mit den zwei „E“s Richtung Telgte, der nächste Ort auf meiner Karte. Einsamkeit und eine große Stille umgibt mich. Mein Fahrrad ist vollkommen geräuschlos und gut geölt, so macht das Radeln Spaß.

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Ich fahre durch eine wunderschöne Landschaft über kurvenreiche Wald- und Schotterwegen. Hoffentlich fange ich mir keinen Platten ein, bei den kleinen spitzen Steinchen auf diesen Schotterwegen sind plötzlich meine Gedanken. Ich habe weder Flickzeug noch andere Hilfsmittel für so einen Fall in meinen Taschen. Einzig, eine nicht funktionierende Miniluftpumpe frönt sein Dasein in meiner Satteltasche. „Na, wird schon schiefgehen,“ denke ich. Damit war für mich das Thema dann erledigt.

Nach dem ersten strapaziösen Tag läuft es erstaunlich gut. Ich wusste es ja – man muss sich erst einmal einfahren, um so eine Tour genießen zu können. In Telgte führt der Emsradweg durch eine Parklandschaft direkt am Fluss entlang. Ich werde richtig euphorisch, einfach ein tolles Gefühl durch diese Natur zu radeln. Ich besuche jeden Aussichtpunkt, der auf meine Karte vermerkt ist, um eventuell ein tolles Foto schießen zu können. Die nächste Sehenswürdigkeit ist das „Haus Langen“ Danach stimmt die Karte nicht mehr oder ich habe eine Abbiegung verpasst. Plötzlich geht es durch tiefen Sand, ein Reiterweg vollkommen raduntauglich. Also absteigen und schieben ist angesagt. Trotz allem komme ich gut voran, keinerlei Schmerzen, wie am letzten Tag.

Mein Esel ist eingeritten oder sagt man eingeeselt. Ich schmunzele über diese Wortspielerei.

Die Emsradwegsymbole sehen auf einmal merkwürdig aus. Ständig zeigt es ein zusätzliches Pferdesymbol. Nach etwa vier können auch sechs Kilometer sein, wird mir klar, dass ich dem Reiteremsweg folge und muss wieder umkehren. Nach einiger Zeit schließlich zeigt sich wieder das korrekte Symbol und ich bin wieder Neuem auf dem in meiner Karte rot ausgewiesenen Emsradweg. Nun komme an Stellen vorbei, die ich bereits mit dem Auto erkundet hatte, aber mit dem Fahrrad reisen sieht alles anders aus.

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In Gimbte angekommen, kehre ich in die einzige am Montag offene Gaststätte ein und genehmige mir ein isotonisches Weizenbier, zu diesem Zeitpunkt ein Muss und ein wahrer Genuss. Dann geht es weiter nach Greven. Uralte Bäume säumen meinen Weg. Der Emsradweg ist einfach wunderschön. Es geht mitten durch Greven. Ich folge ein paar Leidensgenossen, die anscheinend GPS aktiviert haben, denn so zielsicher, wie die mich durch Greven schleusen, kann es keine andere Erklärung geben.

Zwei Radler treffe ich immer wieder. Man grüßt sich bereits, wie eben eine eingeschworene Radlergemeinde. Man fühlt sich irgendwie bereits verbunden. Beim dritten Zusammentreffen, anscheinend pausieren sie in den gleichen Abständen wie ich, frage ich: „Wo geht es heute noch hin?“ Einer antwortet „Wir wollen es noch bis Emsdetten zum Hotel Lindenhof schaffen.“ „Oh dass trifft sich! Es ist auch mein heutiges Endziel, dann können wir ja heute Abend auf ein Bier anstoßen.“ „Gerne, man sieht sich“ und weiter geht es – endlich wieder Natur, kein Stadtlärm und andere störende Geräusche mehr.

Es läuft einfach gut, mein Tacho zeigt mir an, dass ich bereits an diesem Tag über sechzig Kilometer zurückgelegt habe. Aber plötzlich wir mir richtig schummrig und schwindelig und muss mich fast übergeben. Ich halte sofort an steige ab und frage mich, was mit mir passiert. Die Antwort findet sich schnell, nämlich Flüssigkeits- und Nahrungsmangel. An Proviant habe ich überhaupt nicht gedacht, nun straft mein Körper diesen Leichtsinn. Ich schaue auf meine Karte und eine Tankstation in Form eines Hotels ist noch ein Kilometer entfernt.. Ich bin erleichtert aber hoffentlich haben die am Montag keinen Ruhetag. Aber ich habe Glück. Das einzig essbare Angebot besteht aus 3 Stück Apfelkuchen. „Ok, dann bitte Apfelkuchen mit alkoholfreiem Weizenbier bitte“. Eine interessante Zusammensetzung aber egal es hilft. Nach fünfzehn Minuten Pause, die beiden Radler überholen mich und man grüßt sich wieder, bin ich wieder fit für die restliche Wegstrecke nach Emsdetten zum Hotel Lindenhof, dass ich bereits für mein Buch „Spitzenköche entlang der Ems“ fotografiert habe.

Zwölf Kilometer durch Natur pur, immer durch die Emsauen – einfach himmlisch. In Emsdetten wurde eine Umleitung für Emsradfahrer zwecks Baustelle eingerichtet und Abkürzungen sind nicht möglich. Na dann fahre ich eben diese Umleitung, die 2 Kilometer mehr machen nun den Braten auch nicht mehr fett. Mein Hotelzimmer hatte ich vorher telefonisch abgesichert, es war das letzte Zimmer, was er noch frei hatte. Na Glück gehabt. Als Udo mich sieht, ist er mehr als erstaunt und macht große Augen. „Was führt dich zu mir“, fragt er. „Na ich habe doch ein Zimmer vorbestellt!“ Lachend erzählt er mir, dass er wohl meinen Namen falsch verstanden und mich unter Angenerm vorgemerkt hat. „Heinz, du hast Glück was das letzte Zimmer betrifft aber Pech, was Nahrung angeht, wir haben heute Ruhetag. Ach Quatsch, ich habe Zeit, icjh zabere dir gleich was. Es dauert nur ein wenig.“

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Für die Wartezeit gibt es dann von ihm einen großen Bottich Bier und für den entgangenen Gourmetabend als Trost eine Flasche Cote du Rhone. Heute keibnen Meter mehr fahren, dass tut gut. Ich freue mich auf Udos Zauberei.

Die beiden Typen sind mittlerweile ebenfalls eingetroffen und man grüßt sich wieder und „man sieht sich“ ist immer die Verabschiedungsfloskel. Ich denke, sie haben mich nur an meinem Panamahut wiedererkannt.

Ich genieße es, einfach in Udos Bierstube zu sitzen und zu dösen. Kein Mensch stört mich. Meine Emsradkarte, die ich bereits in und auswendig kennen müsste, studiere ich zum zigsten mal. Aus der Küche höre ich das hantieren mit Pfannen und Töpfe. Udo kann es nicht lassen, wenn er zaubert, dann richtig. So kenne ich ihn. Er liebt wie ich mit Leidenschaft seinen Beruf. Ich muss an einer meiner Widmungen denken, die voll auf Udo zutrifft. „Talent und Leidenschaft sind die Zutaten eines erflogreichen Rezeptes.“ Nach ca. 45 Minuten serviert er mir einen Hauptgang vom Feinsten. Den passenden Wein dazu hat er auch sofort griffbereit. Wir plaudern noch ein wenig über meine heutige Etappe. Aber da ja heute Ruhetag ist, wird der Abend eher ruhig zuende gehen. Darum gehe ich heute mal früh zu Bett, um morgen möglichst früh die dritte Etappe zu starten.

3. Etappe – Rheine

Frühstück um 7.00 Uhr, außergewöhnlich früh für mich, aber ich bin putzmunter. Den Fehler mit nur einem Brötchen den Tag zu beginnen, mache ich nicht noch einmal. Ich genehmige mir ein sattes Frühstück und packe für den Tag reichlich Proviant in meine Fahrradtasche,zahle für Kost und Logi und verabschiede mich herzlich von Udo. Auf geht’s nach Norden. Bin gespannt, wie weit ich es heute schaffen werde. Mein Endziel ist heute offen. Meine Kondition wird immer besser und in kurzer Zeit habe ich Rheine erreicht.

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In Rheine geht es direkt am Dortmunder-Ems-Kanal entlang.

Auf einer uralten Allee raus aus Rheine Richtung Salzbergen kann ich acht Störche beobachten. Ich steige ab und pirsche mich mit der Kamera näher. 4 Fotos kann ich schießen, dann sind diese scheuen Vögel auf und davon. Diese Allee führt mich direkt nach Schloss Bentlage.

Ich hatte zwar genügend Proviant in meiner Tasche aber an Getränke hatte ich nicht gedacht. Deswegen war ich hocherfreut, als ich auf dem Hinweisschild Schloss-Bentlage auch ein Gastronomiesymbol sehe. Alles im grünen Bereich, denke ich und lenke meinen Esel zum Schloss. Das Schloss ist lediglich ein Museum, und ich erkundige mich bei einem Museumswärter, der draußen in Ruhe eine Zigarette raucht, wo denn die Gastronomie ist. Die gibt es, sagt er aber erst ab 14.00 Uhr. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm vom gestrigen Tag und warum ich dringend Getränke brauche. Er schafft mit zwei Flaschen Mineralwasser Abhilfe aber vorher muss ich mir noch einen kleinen Museumsvortrag anhören, der nicht uninteressant ist. Ich bedanke mich aufs Herzlichste und nenne es „echte Gastfreundschaft“.

Nun geht es wieder vorbei an Wald und Wiesen vorbei an Salzbergen.

Unter der A 30 hindurch neben meinem Weg taugt plötzlich ein Schild auf. Ich bin zu schnell immer es wirklich wahrzunehmen. Aber wenn mich nicht alles getäuscht hat, steht auf diesem Schild „freilaufende Eier zu verkaufen“. Ich bremse, kehre um, um mich zu vergewissern, ob es tatsächlich stimmt. Und es stimmt. Ich fotografiere es und muss einfach nur schmunzeln.

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Feldwege wechseln sich nun ständig mit Asphaltwege und es ist heute immer geradeaus angesagt – kurvenreiche Strecken sind heute Mangelware. Durch das Örtchen Mehringen, rechts an Emsbüren vorbei bin ich endlich im Emsland. An jeder Emsbrücke halte ich, um ein Foto von der Ems zu schießen. Das Wetter ist bisher absolut fahrradtauglich, sehr angenehm für meine Tour. Vor der nächsten Emsbrücke kehre ich mal wieder in eine Tankstation ein.

Es ist Mittag und die ersten vierzig Kilometer sind heute geschafft. Es läuft hervorragend und hoffe, dass ich heute weit über hundert Kilometer schaffe.

Draußen auf der Terrasse bei einem Weizen schaue ich ganz entspannt auf die ruhig dahinfließende Ems. Eine wunderschöne Aussicht hat man von dieser Terrasse. Leider passt dieses nette kleine Restaurant nicht in meinem Buch. Die Speisekarte ist einfach zu gutbürgerlich. Aber ich halte den Ausblick mit meiner Kamera fest.

Frisch erholt fahre ich nun in dem kleinen Ort Helschen links und vorbei an dem Erholungsgebiet „An der Ems“ Richtung Lingen. Mein nächstes Ziel, den Wasserfall Hanekenfähr finde ich nicht. Entweder war ich mal wieder zu schnell oder die Karte nicht aktuell. Und kilometerlanges Suchen mit dem Fahrrad ist heute nicht angesagt. Ich lande auf der in der Karte braun eingezeichneten Dortmunder-Ems-Kanal-Route, eine sogenannte Alternativ-Route. Und es geht nun unendlich lang an diesem Kanal entlang über feinen gelben Split. Auch in Lingen sehe ich nur den Kanal und die angrenzenden Bäume. Der Blick auf die schöne Stadt bleibt mir als Emsradweg-Fahrer versperrt. Endlich kreuze ich wieder den Weg mit den zwei „E“s und verlasse den Kanal und die Landschaft wechselt in ein sattes Grün.

Schließlich erreiche ich das Örtchen Biene und halte an. Ich betrachte den weiteren Routenverlauf auf meiner Karte. Sie würde mich über einen riesigen Umweg nach Meppen führen. „Nee nicht mir!“, denke ich mir. Ich werde nun wieder den Dortmunder-Ems-Kanal-Radweg folgen. Die Straße, auf der mich gerade befinde, führt mich direkt zur B70 und zum Alternativ-Radweg. Ich schaue mich um. Es ist sehr still in Biene keine Menschenseele zu sehen, kein Auto zu hören, die Geschäfte stehen leer. Es sieht hier sehr merkwürdig verlassen aus. Ich steige auf und fahre weiter wie geplant. Am Ende dieses seltsamen Dorfes

stoße ich auf ein Hinweisschild „Eis“. Jemand hat sich hier in seinem Wohnhaus eine Mini-Eisdiele eingerichtet. Na das Eis kommt wie vorbestellt. Ich setzte mich draußen im Garten auf einen kleinen, wackligen Gartenstuhl und bestelle ein Spaghetti-Eis mit Erdbeeren.

Hier steht überall auf allen Tafeln Spaghetti ohne H. Hmm, merkwürdig, seltsam oder vielleicht einfach ostfriesisch. Ich belasse es dabei. Das Eis ist köstlich, genau das passende Dessert um 14.00 Uhr nach sechs Stunden Fahrt. Und ich habe es mir verdient, denke ich nach meinem Stundenschnitt. Ich verabschiede mich mit einem kleinen Trinkgeld und nach wenigen hundert Metern taugt die B 70 auf, die ehemalige Hauptverkehrsstraße, bevor die A 31 gebaut wurde.

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Nun die Frage, entlang der B70 oder nur hundert Meter weiter entlang des Kanals? Meine Entscheidung entlang der B70 beschert mir Lärm und Gestank und fünfzehn Kilometer schnurgeradeaus. Es kommt mir vor, als wenn die A 31 gar nicht existiert. Der Verkehr ist grauenvoll und LKWs ohne Ende, die typischen Mautgebühr-Sparer. Das einzig Positive an dieser Streckenwahl ist, dass ich auf gutem Asphalt fahre und nicht auf diesem hässlich gelben Split, immer Gefahr zu laufen, ein spitzes Steinchen schlitzt meinen Reifen auf. Aber fünfzehn Kilometer geradeaus ist eine echte Geduldsprobe. Es endet einfach nicht.

Als ich endlich wieder die Möglichkeit habe, den Weg zu wechseln, nehme ich doch den Split in Kauf. In Meppen vereinen sich wieder Kanal und Ems aber ich bleibe auf meiner Kanalroute, die nun laut Karte interessante Landschaft verspricht. In Meppen treffe ich auf das Pärchen aus Emsdetten, das an der Grillstube neben mir saß. Ein „Hallo, wie geht’s und man sieht sich“ war mal wieder die Konversation. Ich habe nun über 80 Kilometer geschafft und noch kein bisschen müde.

Also wieder auf den Esel und weiter geht es nach Haren immer den Kanal entlang. Die Karte hält ihr Versprechen. Bis zum Hünteler Brook eine tolle Landschaft. Mein Plan, auf halbe Strecke nach Haren in Hüntel zu übernachten, geht schief. Wieder mal „Heute Ruhetag“ im Restaurant. Nein nicht schon wieder Pommes“ sage ich mir und steige wieder auf.

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Im Hünteler Brook vereinigen sich wieder die beiden Fahrradrouten und ich überlege, welche ich nun nehme. Auf einmal ein „Hallo“ von hinten. Das Pärchen von der Pommesbude ist ebenfalls angekommen. Wir lachen über die zeitgleiche Ankunft nach 96 km. Sie wollten auch hier übernachten aber entscheiden sich wie ich, aus dem gleichen Grund weiterzufahren. Sie wählen den Emsradweg und ich den Kanalweg, er scheint mir mit dem auf meiner Karte eingezeichneten Eurohafen vor Haren interessanter zu sein. Aber meine Wahl war voll daneben. Der Eurohafen entpuppt sich als langweiliges, hässliches Industriegebiet. In Haren angekommen zeigt mein Tacho 111 Kilometer für die heutige Etappe. Ich fahre zur Emsbrücke hoch und treffe das Pärchen wieder. Ganz schön fit die beiden. Wieder ein „Hallo und man sieht sich“. Der Ausblick von der Brücke ist malerisch. Links erblicke ich das Restaurant Emshaus, in dem ich an dem kommenden Montag fotografiere werde. Na das wäre heute mal eine nette Idee für den Abend, inkognito in dieses Lokal einzukehren und den Tester spielen. In meiner Karte gibt es ein Pensionsverzeichnis und finde eine kleine Pension „Haus Emsblick“ ganz in Nähe keine zweihundert Meter von dem Restaurant entfernt. Nichts wie hin, einchecken und dann ab ins Restaurant, schließlich zeigt die Uhr schon 17.30 Uhr. Ein langer Radeltag geht zu Neige. Der Abend könnte nett werden, und ich sollte recht behalten.

Ich bin ein wenig zu früh aber die Kellnerin sieht es nicht so eng und fragt nach meinem Getränkewunsch. Jetzt freue ich mich auf ein richtig kühles Weizenbier. Da ich noch der einzige Gast bin, schafft sie es fast in Rekordzeit, mir das Bier zu bringen. Ich leere das Glas in einem Zuge und bestelle noch weiteres. Sie bringt mir noch eins und die Speisekarte. Ich erkläre ihr, dass es für mich zum Speisen noch ein wenig früh. Aber schon mal einen Blick in die Weinkarte werfen, wäre schön. Sie schaut mich an und meint: „Ahh, sie meinen unsere Bibel. Sie bringt eine fast 2 kg schwere130 Seiten dicke Weinkarte in Form eines Ringbuches. Mir sind schon viele Weinkarten präsentiert worden aber das ist die Krönung aller bisherig mir Bekannten.

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Unbemerkt steht der Chef des Hauses plötzlich vor mir, wahrscheinlich, weil ich seine Weinkarte intensiv studiere und stellt sich vor. Mit meinem Inkognito sieht es jetzt übel aus. Wenn ich mich jetzt nicht vorstelle, könnte er am kommenden Montag verärgert sein. Nach kurzem Zögern, sage ich, „wir haben nächsten Montag einen gemeinsamen Termin“. Er darauf, „ dann sind sie Herr Anschlag.“stelle ich mich ebenfalls vor, was ich nicht bereuen sollte.

Ich überreiche ihm meine Visitenkarte und er erzählt von seinen Weinen.

Dann lädt er mich ein, seinen Weinkeller zu besichtigen. Gesichert wie ein Tresor, öffnet er sein Heiligtum. Als Erstes betreten wir einen Probierraum, spartanisch eingerichtet. Ich sehe 2 weitere Türen. Auf Knopfdruck öffnet sich die erste und wir betreten einen Raum, klimatisiert

mit über 3000 Flaschen Wein. Ich betrachte verschieden Weine und auf geheimnisvollerweise öffnet sich eine weitere Tür, die als Weinregal getarnt ist. Hier lagern seine uralten Schätze, wie er sagt. Ich bin einfach nur beeindruckt aber es kommt noch besser. Wir verlassen den Raum und stehen wieder am Probentisch. Er fragt: “Wie viele Türe sehen sie?“ „Ich sehe zwei.“ Er schmunzelt und sagt, „es sind sechs Türen“ und drückt einen unsichtbaren Knopf.

Ein übergroßes Gemälde fährt zur Seite und ein weiterer Weinkeller öffnet sich. Nach und nach zeigt er mir seine ganzen Schätze und ich staune nur noch; fast 13.000 Flaschen lagern hier. Zum Abschluss lädt er mich in seinen Cognacraum ein. Hier wird es noch verrückter.

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Ein Teppich hebt sich und wird zur Theke. Gläser kommen aus Regalholben. Er schmunzelt spitzbübisch, als er sieht, dass ich beeindruckt bin. Über 120 Jahre alte Brände lagern hier; alle möglichen Jahrgänge sind hier vertreten.

Am Tisch zurückgekehrt, schaue ich in die Speisekarte und bestelle einen Rotbarsch in Kräuterkruste. Er sagt zu mir, „den passenden Wein bringe ich ihnen“. Und wie der passte, einfach göttlich. Das Essen war ausgezeichnet, zum Abschluss kredenzt er einen 120 Jahre alten Calvados und einen 100 Jahre alten Cognac. Für mich sind solche Jahrgänge Premiere.

Anschließend lädt er mich zu einem Nachbartisch ein, wo er mir einen wohlhabenden Farmer aus Meppen mit seinem Sohn vorstellt. Der Abend wir richtig unterhaltsam. Johannes Hermann, der Landwirt hat eine Art zu Erzählen, dass es keine Sekunde einschläfernd langweilig wird. Um 2.00 Uhr morgens war die Nacht vorbei und der 3. Tag zu Ende.

Er wird mir lange nachhaltig in Erinnerung bleiben.

4. Etappe – Leer

Gut gestärkt verlasse ich die kleine Pension. Mit Proviant versorgt, mit Getränke von einer Tankstelle, beginne ich die 4. Etappe. Auf nach Leer! Es sind etwa 90 Kilometer aber das sollte heute kein Problem werden. Der Abend steckt zwar noch in den Gliedern, aber da muss ich jetzt durch. Schnell habe ich Haren verlassen und bin auf dem Weg, diesmal auf dem Emsradweg nach Lathen. Durch Landegge und Hilter komme ich nach kurzer Zeit in Lathen an. In Lathen trennen sich Ems und Kanal wieder und es geht wieder am Kanal entlang.

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In Steinbild sind Kanal und Ems wieder vereint und wieder ein „Hallo, da sind wir wieder!“ und ein erneutes „Man sieht sich!“ Die Beiden werde ich wohl bis Emden regelmäßig treffen. Und trete in die Pedalen. Mein Esel führt mich über einen Campingplatz weiter Dörpen rechts liegendlassend nach Heede. Sieben Kilometer hinter Steinbild treffe ich einen Holländer, der, wie er sagt, die Küstenkanal-Route fährt, sich aber verirrt hat. „Ohne Karten kann das schnell passieren!“ sage ich. Nachdem er mein exzellentes Kartenmaterial studiert hat, muss er feststellen, dass er fünf Kilometer zurück allerdings in meiner Richtung muss. Wir fahren eine kurze Strecke gemeinsam, aber er ist mir einfach zu langsam und ich verabschiede mich. Aus heiterem Himmel kommen plötzlich fiese Zahnschmerzen. Ich bin genervt und denke nur, muss das denn jetzt sein. Eine Apotheke muss her, ob die auf meiner Route kommenden, kleinen Orte eine haben ist sehr fraglich. Aber spätestens in Papenburg werde ich eine finden.

Also nichts wie hin. Mein Zeitplan sagt mir, dass ich genau um die Mittagszeit in Papenburg eintreffen werde und dann wahrscheinlich eine 2 Stundenpause einlegen muss, um an Tabletten zu gelangen. Aber wenn es so ist, dann gibt es eben diese Pause. Ich lasse mir nicht von meinen Zahnschmerzen die Tour versauen und versuche die Schmerzen zu ignorieren. Nun erstmal nach Heede zur 1000-jährigen Linde. Bin gespannt, ob sie ein gutes Foto abgibt.

Am Ortseingang genehmige ich mir an der Tankstation Restaurant am Turm wieder ein verdientes alkfreies Weizen draußen im Biergarten und warte auf das Pärchen. Aber vergeblich, sie scheinen den Ort ignoriert zu haben, denn laut Emsradweg hätte sie direkt an meinem Tisch vorbeikommen müssen. Na dann werde ich sie wohl wieder einholen.

Auf dem Weg zur 1000-jährigen Linde sehe ich in zweihundert Meter Entfernung eine Apotheke. Ich trete in die Pedalen, um noch vor der Mittagspause an meine Tabletten zu kommen. Es ist schon 12.33 Uhr aber ich versuche es trotzdem und habe Glück.

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Ein sehr freundlicher Apotheker fragt: „Tabletten mit Zahnbild drauf oder ohne“ Ich schaue ihn irritiert an, dann verstehe ich „Placebo-Effekt“ und lache. „Ich bin keiner von den Spinnern“ Ich kaufe seine Empfehlung und die Tabletten helfen wirklich, sie sind wirklich gut. Ich bin wieder oben auf und suche die Linde. Aber ich bin enttäuscht. Habe die passende Kamera mit dem dazugehörigen Objektiv bei Uwe Aust eingelagert. Vielleicht ergibt sich ja noch eine Chance, dieses Foto zu machen, wenn ich mit dem PKW in der Nähe bin. Ich steige wieder auf mein Fahrrad und weiter geht es über Aschendorf nach Papenburg. Wieder direkt entlang der Ems, hier herrscht auf einmal reger Bootsverkehr. Bisher habe ich nur vereinzelte Boote auf der Ems gesehen, hier spürt man, man nähert sich Papenburg. Und kurz vor Aschendorf treffe ich wieder das „Hallo, man sieht sich Pärchen“. Wir plaudern zum ersten Mal ausführlicher. Ich erzähle den Grund meiner Reise und erfahre, dass sie mit dem Fahrrad aus Kassel kommen und schon neun Tage auf Tour sind. Ich finde es eine wirklich stramme Leistung, wenn ich mir den Zustand der Fahrräder betrachte. Und dann wieder man sieht sich, wie auf dem Jakobsweg, habe ich mir erzählen lassen, da trifft man sich auch immer wieder. Regenwolken ziehen auf und ziehen vorüber. Na der Wettergott hat es aber wirklich gut mit mir gemeint. Ist mir recht, also auf nach Papenburg. Dir City ist beeindruckend. Ich schieße alles, was eventuell für mein Buch wichtig oder passend sein könnte und direkt am Rathaus wieder das „Hallo und man sieht Pärchen“. Lachend trennen wir uns wieder. Aber leider war es das letzte „Hallo, man sieht sich“ schade, ich habe sie leider nicht mehr wieder gesehen. Bin wohl die letzten Kilometer zu schnell angegangen oder sie haben in Papenburg übernachtet. Es hätte ein netter Abend werden können, wenn wir wieder im gleichen Hotel eingekehrt wären, aber mein Ziel ist es, Leer noch am selbigen Tag zu erreichen. Also fahre ich weiter Richtung Leer. Vorbei an der Meyer Werft, die aus meiner Perspektive kein gutes Foto hergibt. Ich kenne diese Werft und deren Größe. Habe dort schon auftragsmäßig fotografiert und sie im vergangenen Jahr als Tourist besucht. Die Dimensionen sind schon sehr beeindruckend. Durch die gewaltigen Hallen entstehen optische Täuschungen und Größenverhältnisse werden visuell vollkommen neu definiert. Man muss es erlebt haben, um es verstehen zu können. Ich richte meine Esel nach Leer aus und auf geht es zu meinem letzten Übernachtungsort.

Den Überblick über meine gefahrenen Kilometer habe ich verloren aber ich weiß, ich bin überpünktlich in meiner Zeitplanung. Schließlich habe ich kommenden Sonntag wieder den nächsten Fototermin und einen Tag Erholung von den Strapazen will ich mir gönnen, somit bin ich absolut in meinem Zeitplan. Am folgenden Tag wird der Fototermin am kommenden Sonntag um eine Woche verschoben, wenn ich dieses früher erfahren hätte, wäre meine Tour ganz anders verlaufen.

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Meine Kondition spielt nun keine Rolle mehr. Ich bin nun in der Lage am Tag über 200 Kilometer zu fahren. Ich freue mich auf mein Ziel, Leer. Die Strecke von Papenburg entlang der Ems nach Leer muss laut Karte wunderschön sein, und ich freue mich, diese letzten Kilometer am heutigen Tage radeln zu können. Aber aus der Vorfreude auf diese letzten Kilometer wird Langeweile pur. Die Ems versteckt sich auf diese 22 Kilometer hinter einem acht Meter hohen Damm. Und da gerade Ebbe herrscht, ist die Ebbe hier nur ein Rinnsal. Ich fahre enttäuscht und nun einfach stumpfsinnig am Deich entlang. Schafgatter auf, Schafgatter zu und so weiter einfach gähnenden Langeweile. Selbst die Schafsherden sind keine Fotomotive.

Endlich in Leer angekommen, bin ich wieder oben auf. Ich bin begeistert von der alten Architektur, den alten Schiffen, einfach schön ist diese alte Stadt. Da ich wieder mein Pensionsverzeichnis befragt habe, finde ich schnell eine Pension „Zum gemütlichen Eck“, teuer aber ok, eine echte Motorbikerpension. Der Chef, ein echter Biker ist beeindruckt, dass ich mit meinem Drahtesel in dieser kurzen Zeit Leer erreicht habe. Ich kann es verstehen, mein Esel hat echt gelitten, ist schmutzig, braucht neue Bereifung und die Satteltaschen sind von der Sonne gebleicht. Das Rad sieht nicht so aus, dass es in so kurzer Zeit 370 km schaffen kann. Es hat mein Vertrauen und das ist mir wichtig. Ich erzähle ihm, warum ich die Tour mache und zeige ihm mein Münsterland-Buch, was die ganzen Tage in meinen Taschen versteckt, verstaut war.

Er wir richtig ehrfürchtig und findet mein Vorhaben richtig geil, gleichzeitig verspricht er mir für den nächsten Morgen ein geiles Frühstück. Na da bin gespannt, aber nun ist Essen angesagt, preiswert, wohl bemerkt, die letzten Abende waren bis auf Emsdetten sehr kostspielig. Ein letztes Mal für diesen Abend steige ich auf meinen Esel, um preiswert essen zu gehen.

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Auf dem Weg zur Pension habe ich ein Lokal gesehen, was im Biergarten gut gesucht war, also folglich kann es da nicht so teuer sein. Ich lehne meinen Esel an eine Parkbank und suche mir einen netten kleinen Tisch, wo ich die Aussicht auf den Hafen genießen kann. Das Lokal nennt sich „Zur Waage, die Börse“ ein ziemlich beziehungsloser Name nirgendwo kann ich ein Indiz zum Namen finden, aber es klingelt was bei mir: Dieses Lokal steht auf meiner Liste als außergewöhnliches Lokal. Ich hatte bisher weder Kontakt noch Reaktion von diesem Restaurant. Eine Kellnerin bringt mir die Karte, und ich bin überrascht über diese kleine Karte, sie klärt mich auf. Es ist nur die Tourikarte, die echte finde ich im Restaurant. Sie ist bereit, mir eine zu bringen, dass ich ein Blick darauf werfen kann. Diese Karte überzeugt mich, dass dieses Lokal wirklich in mein Buch passt und fasse den Entschluss mich vorzustellen. Der Chef begrüßt mich und kann sich an meine Mail erinnern, die ich allen Restaurants geschickt habe, die ich für mein Buch ausgewählt habe. Kurzerhand hole ich mein Musterbuch und sage ihm, „bin in 5 Minuten zurück“. Er ist fasziniert von diesem Buch aber bittet um Bedenkzeit. So wie ich es bisher beobachtet habe, scheint seine Partnerin die Hosen anzuhaben und ich die falsche Vorgehensweise gewählt habe, was sich später bestätigt. Egal schauen wir mal, was die Speisekarte hergibt. Das Essen ist wirklich gut und der Wein ist auch nicht schlecht.

Der Abend ist wieder ein Frühzubettgehabend, einfach tote Hose. Schade für die letzte Übernachtung, ich habe einfach zu weit außerhalb des Zentrums eingecheckt.

Der vierte Tag klingt mit einem Fernsehabend aus und ich genehmige mir die Flasche Cote du Rhon, die Udo mir geschenkt hat, und ich seitdem in meiner Satteltasche verstaut hatte.

Letzte Etappe – Emden

Der letzte Tag bricht an. Die Sonne strahlt gemischt mit ein paar Wolken. Aber der Bikerpensionschef hat nicht zuviel versprochen. Sein Frühstücksangebot ist einfach der Hammer. Da können sich manche 4-Sterne Hotels eine Scheibe von abschneiden. Ich lobe dieses Frühstück in höchsten Tönen, und er fühlt sich richtig geschmeichelt und packt mir sogar den passenden Proviant für die restliche Strecke ein. Wir verabschieden uns richtig freundschaftlich und ich nehme mir vor, wenn das Buch fertig ist, werde ich ihm noch mal besuchen und ihm ein Exemplar schenken, denn seine Gastfreundschaft war wirklich authentisch herzlich.

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Nun geht es in Richtung Emden – dem Endziel dieser Reise. Meine Gefühle sind gemischt. Die Tage waren einfach galaktisch. Noch nie in meinem Leben habe ich solche Strapazen auf mich genommen. War schon beim Golfen extrem drauf – Rekord 12 Stunden Golf an einem Tag – aber untrainiert eine 400 km Tour, finde ich, war schon mutig. Ich könnte noch 10 Tage weiterfahren aber leider ist heute nach schlappen 30-40 km das Ziel erreicht. Vor der Tour hatte ich noch Respekt vor 40 km mit dem Fahrrad. Nun lache ich über so eine kurze Entfernung. Die Ems ab Leer hat mittlerweile die Ausmaße eines Stroms. Die Deiche sind entsprechend hoch. Sie werden von unzähligen Schafen bevölkert. Und er Emsradweg geht ohne Umwegen über Jemgum direkt nach Emden. Meine Stimmung ist nicht wirklich euphorisch. Ich habe das Gefühl, dass ich einfach zu schnell war und zu wenig genossen und erlebt habe. Aber wie heißt der alte Spruch mit riesenlangem Bart „Der Weg ist das Ziel“ was in meiner Situation nun wirklich zutrifft. Steig auf deinen Esel du Gefühlsdusel, sage ich mir und auf geht’s. Die Namen der Orte werden für einen Münsterländer immer merkwürdiger und manche kaum aussprechbar: Bingum, Jemgum, Midlum, Critzum, Hatzum, Nendorp, Oldendorp Ditzum. Mindestens zwanzig Kilometer entlang dieses Damms. Einseitige Natur, nur Schafe und Damm, weit und breit keine Bäume, einfach nichts nur Damm. Nach Jemgum durchquert habe, schlägt das Wetter um. Regenwolken ziehen auf – sollte ich nach vier schönen Tagen auf die letzten Kilometer noch nass werden?.

E3-Emsdetten_1120 Ich frage mich: Will der Wettergott mich noch bestrafen? Weil ich diesen Damm verfluche? Oder will er meine Arroganz bestraft, dass ich es als Selbstverständlichkeit angesehen habe, dass mich kein Regentropfen trifft. Die ersten Tropfen fallen. Und schnell verstaue ich meinen Panamahut in die ständig eigens dafür mitgeführte Plastiktasche. Ein Panamahut besteht nämlich zu 100 % aus Stroh und Regen ist des Panamahuts seinen Tod. Nun bereite ich mir auf ein triefnasses Finale vor, denn im Umkreis von 10 Kilometer gibt es keinen Unterstand – nur Damm und Weidengras. Aber ganz plötzlich, nach einer Minute kräftigen Regens, ist alles vorbei, der Weg platschnass und die Sonne scheint wieder. Unglaublich unheimlich! Der Wettergott hat doch Erbarmen mit mir und mich verschont. Ich fahre und fahre. Der Weg ist nass und verdreckt von Schafskot. Es stinkt, und ich muss ständig anhalten, um meinen Esel von dem Kot zu befreien, was mir nur oberflächlich gelingt. Aber endlich habe ich es geschafft, bin in Ditzum, der letzte Ort vor Emden angekommen. Das Dorf gegenüber der Stadt Emden am anderen Ufer der Ems. Und hier gibt es tatsächlich noch eine kleine Fähre. Meine Karte hat mich also nicht betrogen, von hier aus komme ich auch nach Emden. Es sieht so aus, als wenn die Fähre auf mich gewartet hat, kaum stelle ich mein Fahrrad auf die Fähre ab, schließt sie die Klappe und die Fähre legt ab. Es ist keine Minute vergangen. Wieder sehr mysteriös, man scheint mich in Ostfriesland zu mögen.

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Die Überfahrt nach Petkum einen Vorort von Emden dauert nur zehn Minuten. Das Wetter ist regnerisch aber es regnet nicht. Die letzten zwölf Kilometer von der Anlegestelle bis nach Emden sind traurige zwölf Kilometer. Das Ziel ist gleichzeitig das Ende dieser Reise. Gleichzeitig ist in mir ein berauschendes Gefühl, es in dieser kurzen Zeit geschafft zu haben. Über mögliche und unmögliche Wege angekommen, stehe ich in Emden am Ziel meiner Reise Hier sind die beiden „E“s großformatig eingepflastert – als Symbol dieses Emsradweges. Ich stelle meinen Esel davor und fotografiere ihn, auf dem Sattel thront mein Panamahut, der mir wirklich gute Dienste geleistet hat.